CV
Critique_ Consideration on ‘Nogada’
Critique_ The Ethics for idiots
Review_ My Home Sweet Home
Review_ Metamorphosis



Metamorphosis

(ATELIER AM ECK, Düsseldorf, 7. – 16. Juni 2013)

Das Oeuvre des jungen koreanischen Künstlers Soohwan Kim, das auf Zeichnungen basiert, aber auch Objekte aus gefundenen Materialien sowie animierte Filme als zentrale Werke der Ausstellung Metamorphosis umfasst, ist geprägt von seiner Sicht auf die zeitgenössische Gesellschaft. Aus der Geschichte seiner Familie heraus entwickelt er eine rebellische, symbolisch aufgeladene Grundhaltung, die es ihm ermöglicht, Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen in der Republik Korea sowie dem westlichen Weltbild zum Ausdruck zu bringen. Soohwan Kim ist in der drittgrößten Stadt Südkoreas aufgewachsen. Incheon ist eine Hafen- und Industriestadt an der Nordwestküste und durch die kurze Entfernung zu Seoul Bestandteil des fast lückenlos zusammengewachsenen Ballungsraumes nahe der entmilitarisierten Zone zu Nordkorea. Fast alle internationalen Flugzeuge nach Südkorea landen auf dem wichtigsten Flughafen des Landes in Incheon.

Mitte der 1960er Jahre wanderten die Vorfahren des Künstlers ziellos durch die von Korruption und Landwirtschaft geprägte Republik, auf der Flucht vor Armut und auf der Suche nach Arbeit. Der enorme Anschub der Wirtschaft seit den 1960ern schuf Arbeitsplätze in der größten Industriestadt des modernen Koreas und sie ließen sich dort als einfache Arbeiter nieder. Der Künstler erinnert sich der Elterngeneration, die unter den harten Arbeitsbedingungen litt, die sich für ihre Nachkommen aufopferte. Sie nahmen sich so weit zurück, dass sie selber zu Werkzeugen wurden. Die Serie NOGADA („zu viel Arbeit“) von Soohwan Kim greift den harten Arbeitsalltag auf einer Baustelle auf, in Zeichnungen wie auch Objekten. Als Symbol für die übermenschliche Produktion fand er „Sino“; ein endemisches Werkzeug, das bei der Verschalung von Betonwänden zum Einsatz kommt. Das Hebelwerkzeug vervielfacht die menschliche Kraft und ermöglicht so das rasanten Errichten von Gebäuden. Das Symbol setzt der Künstler als ambivalentes Zeichen für die menschliche Begierde und die Schöpferkraft im Prozess der Arbeit ein, indem er beispielsweise ein Kinderspielzeug herstellt. Oder er errichtete eine Hütte aus gefundenen Materialien auf einem Brachland, um die physische Anstrengung zu verdeutlichen, indem das Sino mit dem menschlichen Körper verschmelzen lässt.

Mit der Entfremdung vom eigenen, allzu menschlichen Verlangen und der Deformation der Begierde, äußert Soohwan Kim Kritik an der zeitgenössischen Gesellschaft. Die Kluft entsteht für ihn im Aufeinanderprallen von Wünschen des Individuums und der Anpassung an die Masse der Menschen, entwickelt aus der Familiengeschichte heraus. Appetit, Sexualität, Verlangen nach Schönheit und künstlerischer, persönlicher Beziehung werden ersetzt durch Besitzgier, Kapital, Wunsch nach gesellschaftlicher Macht oder Karriere. Der innere, kreatürliche Wunsch – der ursprünglichen Instinkt, wird überlagert oder er geht gar verloren. Den Widerspruch verkörpert Soohwan Kim durch „Dick-Boy“, eine Personifikation seiner Selbst als Protagonist der gezeichneten Videos. „Dick-Boy“ ist ein erwachsener Mann, dessen sexuelles Verlangen im Säuglingsalter zu einem Stillstand gekommen ist. Die unterdrückte Begierde findet ihren Ausdruck in Geschlechtsteile, phallische Überzeichnungen und kontinuierlichen Mutationen zu Ungeheuern.

Das entstehende, metaphorische Bild generiert sich aus dem Aufprall der heutigen Gesellschaft mit dem privaten Umfeld, der Familiengeschichte und der Heimatstadt des Künstlers.; er konstatiert den Zusammenbruch der Religion, der Geschichte und der menschlichen Werte durch einen modifizierten Mensch. Der Prozess der menschlichen Metamorphose wird gesteuert durch die Begierde.

Soohwan Kim ist Stipendiat der Landeshauptstadt Düsseldorf im Rahmen des deutsch-koreanischen Künstleraustausches.

-Arne Reimann